Wann haben wir aufgehört miteinander zu reden?

Wann haben wir aufgehört miteinander zu reden?
Bild: Unsplash – rawpixel.com

Ich treffe mich mit Freunden auf einen Drink. Während ich warte habe ich genügend Zeit, das Geschehen um mich herum zu beobachten. Es sind auch andere da, allein, die auf jemanden warten, oder auch nicht. Doch sie schenken dem, was um sie herum geschieht keine Aufmerksamkeit. Wie gebannt starren sie auf den kleinen Bildschirm in ihren Händen, scrollen auf und ab, wischen nach links oder rechts und tippen sich die Finger wund, als würde es ums Überleben gehen.

Doch nicht nur die, die alleine hier sind scheinen vergessen zu haben, dass auch um sie herum Leben existiert. Bei vielen ist die Begleitung bereits eingetroffen, man hat sich an einen Tisch zusammengesetzt, lauscht der Musik. Doch irgendetwas fehlt. Es dauert eine Weile, bis ich begreife, was es ist.

Der unaufhaltsame Strom von intensiven Gesprächen, herzlichem Gelächter und leisem Tratsch, der normalerweise die Hintergrundmusik in gemütlichen Bars und Cafés untermalt. Er ist nicht da. Und wenn, dann nur wie ein kleiner Bach, kurz vor dem Austrocknen, in dem alleingelassene Worte wie die letzten Tropfen ums Überleben kämpfen und sich auf heißen Steinen in Dampf auflösen. In Nichts.

Wann haben wir aufgehört miteinander zu reden? Uns selbst fällt das oft gar nicht mehr auf. Wir verabreden uns, nur um stumm beieinander zu sitzen und uns mit denen zu unterhalten, die nicht da sind. Manchmal gelingt es uns, unseren Blick kurz zu lösen und unserem Gegenüber, der in diesem Moment gerade tatsächlich da ist, oder auch nicht, in die Augen zu sehen und seine Worte wahrzunehmen. Doch dann auch nur halb, weil die Gedanken kleben bleiben. Am letzten Snap von dem Typen, den wir so süß finden. An der Hoffnung auf unzählige Likes unter unserem letzten Instagram-Bild, auf dem wir stolz präsentieren wo und mit wem wir gerade zusammen sind. Auch wenn wir es nicht wirklich sind.

Und so werden die Gespräche seicht, nicht mehr tiefgründig und intensiv. Das Gefühl der Freundschaft wird irgendwie unecht, weil sie nur noch online existiert. Unser Leben wird stumpf. Weil da ja immer noch etwas anderes ist, etwas Wichtigeres als das, was gerade um uns herum wirklich da ist. Weil wir das Gefühl haben, überall anders sein zu müssen als dort, wo wir gerade sind. Haben wir verlernt, da zu sein?

Ich stehe auf, nehme meine Jacke und trete aus der stickig stillen Luft des Lokals hinaus in die erfrischende Kälte dieses Novemberabends. Ich atme ein. Ich atme aus. Und da entdecke ich sie. Jene, die sich noch in die Augen sehen können, einander an den Händen halten anstatt sich krampfhaft an ein kleines Kästchen zu klammern. Die, die das Leben zusammen genießen, die wirklich da sind, die sich trauen echte Gespräche zuzulassen. Und da spüre ich sie. Die Hoffnung, dass wir doch noch nicht aufgehört haben miteinander zu reden.

 


Diese kleine Geschichte ist der erste Teil einer neuen vierzehntägig erscheinenden Kolumne. Für all die Worte, die in keine Schublade passen wollen. Weil dieser Blog auch irgendwie noch mein kleines persönliches Sprachrohr ist, durch das meine privatimen Gedanken ihren Weg in die Welt finden wollen. Oder auch einfach nur aus meinem Kopf. Ohne Umwege und ganz ehrlich. Vielleicht ohne erkennbaren Sinn, vielleicht manchmal doch recht sinnvoll. 

 

Sabrina

Sabrina

Sabrina ist Yogalehrerin, Autorin und das Gesicht hinter » Mutwärts «. Sie liebt es, sich kreativ auszutoben, unvergessliche Momente in Bildern und Texten lebendig werden zu lassen und im Herzen der Natur zu leben. Das Thema » Angst « nahm in den letzten Jahren einen wesentlichen Platz in ihrem Leben ein. Wie sie damit umgeht und ihre Grenzen durchbricht möchte sie mit dir auf diesem Blog teilen.
Sabrina

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2 Kommentare

  1. Was für ein schöner Beitrag, der so viel Wahrheit enthält. Wahrheit darüber, was mit uns passiert ist. Auch wenn ich zugeben muss, dass es oft das Unwohlsein ist, dass mich zu meinem Smartphone greifen lässt, während ich auf jemanden warte. Ein Gefühl, das sich nicht von allein erklären will. Doch, wenn ich mich dabei ertappe, lege ich es bewusst weg und halte inne. Genieße den Moment, den ich noch für mich und meine Gedanken habe. Noch viel schlimmer finde ich es allerdings, wenn mein gegenüber ständig auf das kleine Display starrt, während ich mir so vieles von der Seele reden will. Dann werde auch ich ganz still.

    Hab einen ganz wunderbaren Start in den Montag! Ich freue mich schon auf deine Kolumne. <3

    Liebst,
    Anika

    1. Danke dir, liebe Anika, für diesen schönen Kommentar, du sprichst mir aus der Seele 🙂

      Alles Liebe,
      Sabrina

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