Mut & Angst: Wo liegt deine Grenze?

Mut & Angst: Wo liegt deine Grenze?


Gestern habe ich einen Bericht gelesen. Das ist nicht unbedingt üblich, da das Konsumieren von Nachrichtendiensten eigentlich keinerlei Zugang zu meinem Alltag hat. Dennoch erwischte mich dieser Artikel völlig unvorbereitet – und führte mich gedanklich zu jener Frage: Wo liegt die Grenze, an der Mut zu Übermut wird? Die Grenze, an der aus Angst heraus Mut entsteht oder Mut erzwungen wird? Und: Warum handeln wir so oft, obwohl unser Bauchgefühl sowie der Verstand sagt: „Tu es nicht“? 


Es ist Dienstag. Etwa halb Drei nachts. Und hell. Islands Sommer kennt keine Dunkelheit. Mitten in der Nacht spielen hier Kinder auf Spielplätzen, mit einem Fußball auf der Straße oder dick eingepackt in Pullover aus Schafswolle Fangen. Und das ist in keinster Weise ein Problem. Denn Kriminalität ist hier ebenfalls ein Fremdwort. Und womöglich ist man sich genau deshalb hier über Eines im Klaren: Passieren kann mir hier nichts.

Ähnliche Gedanken wird auch jene Jugendgruppe gehegt haben, die mich zu den obigen Gedankengängen führte. Während Island in aller Seelenruhe der Nacht entgegen schlummert, begibt sich eine kleine Gruppe bestehend aus einigen Pfadfindern an einen der gefährlichsten Strände der Südküste. Dort, wo die Strömung tückisch und das Meer unberechenbar bricht, beginnt ein Großteil der Jungs, Hose und Shirt von sich zu reißen und dem Meer entgegenzulaufen. Hinübergeklettert über Absperrungen, vorbei an zahlreichen Warnschildern und hinein ins kalte Nass.

Mut der auf Angst gründet

Sie überleben. Mit Glück. Nicht wenige haben für derart riskante Aktionen mit ihrem Leben gezahlt. Vor einigen Tagen erst wurde eine andere Gruppe französischer Pfadfinder per Helikopter aus einer Stromschnelle gerettet – so gerade eben. Doch was treibt Menschen zu solchen Aktionen: Schwimmen an lebensgefährlichen Stränden, Durchqueren eines Flusses an halsbrecherischen Stellen oder auch das allseits beliebte Wildcampen, das zwar keinem Menschen aber der isländischen Natur schadet?

Ich glaube, derlei Aktionen haben ganz grundlegend zwei Seiten: Einerseits — oder viel mehr oberflächlich — gilt es vielleicht als Mutprobe, als „Komm, trau dich doch“-Aktion unter Jugendlichen. Einer möchte dem anderen um Nichts nachstehen, der Anführer sein, dazugehören oder einfach nur akzeptiert werden. Und dazu gehört vor allem eines: Eine gehörige Portion Mut. Doch genau in diesen Momenten ist es meiner Ansicht nach eine Form von Mut, die niemandem hilfreich und teuer sein sollte: Eine Form, die auf vollkommener Angst gründet, die jeden Jungen der Gruppe durchdringt. Bloß ist der Gruppenzwang derart hoch, dass niemand als Feigling angesehen werden möchte. Und schon ist Einer nach dem Andern auf dem Weg ins Wasser.

Andererseits ist es eben jene Angst, die solche Taten möglich macht. Angst und ein Stück weit mangelnder Selbstwert. Das klassische „Nicht-genug-Sein“, das heutzutage jedem Jugendlichen suggeriert wird, der nicht die neuesten Nike-Sneaker trägt, nicht den neuesten Trend lebt oder nicht genügend Instagram-Follower hat. Die Gründe sind verschieden, zahlreich und äußerst individuell. Nicht selten spielt ebenfalls der familiäre Hintergrund eine Rolle. Und dennoch ist das Bedürfnis ein und dasselbe: Anklang finden. Dazu gehören. Jemand sein.

Wie weit man dafür geht? Scheinbar über Leichen — zumindest über die Eigene.

Es entsteht also ein Mut, der seine Kraft aus vermeintlicher Minderwertigkeit und Zurückweisung schöpft. Eine ganz eigene Energie, die für einen kurzen Moment suggeriert, endlich genug zu sein. Wenn auch nur für einen ganz kleinen Moment.

Denn wenn wir ganz ehrlich sind, ist wahrer Mut etwas anderes.

Aus wahrem Mut entsteht innere Stärke. Wahrer Mut hilft Anderen auf ihrem Weg und unterstützt sie bei ihrem Tun. Wahrer Mut bringt niemanden in Gefahr, sondern rettet. Wahrer Mut entspringt keinem jugendlichem Leichtsinn und ebenfalls keinem Gefühl der Minderwertigkeit. Wahrer Mut wäre gewesen, miteinander zu sprechen, zu seinen Gefühlen und Gedanken zu stehen und einander unter die Arme zu greifen.

Ins Meer laufen kann jeder. Wenn auch unter anderen Bedingungen. Sich selbst offenbaren — das zeigt Stärke und braucht ordentlich Mut. Mutig wäre es gewesen, standhaft zu bleiben, nicht der Gruppe zu folgen und am Ufer zu warten. Denn dort stand noch jemand: Einer, der nicht mitgemacht hat. Einer, der sich nicht traut und seinen Freunden mit einsamen Blick hinterherschaut. Einer, der mutig ist — und die Mutprobe bestanden hat. Auch, wenn er es wahrscheinlich noch nicht weiß.

 

Bild: Unsplash - Austin Neill
Alex

Alex

Blogger bei Wenn, dann Reisen
Aus seiner spontanen Reise nach Australien und Neuseeland wurde schließlich eine komplette Weltreise - auf seinem Blog lässt Alex seine Leser daran teilhaben. Seine Intention ist es, andere auf ihrem eigenen Weg zu begleiten und zu inspirieren und mit seinen Geschichten Eindrücke aus den fernsten Ländern für Jedermann lebendig werden zu lassen.
Alex

Letzte Artikel von Alex (Alle anzeigen)

Das könnte dich auch interessieren

2 Kommentare

    1. Danke dir, liebe Alina! Freut mich sehr zu hören, dass die Essenz dieses Artikels bei dir ankommt 🙂

      LG, Alex

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.