Morgen ist leider auch noch ein Tag

Morgen ist leider auch noch ein Tag

Ich fühle mich unverstanden. Und ich weiß, dass es vielen anderen, und vielleicht auch dir, genauso geht. Wie oft wollte ich die Depression gegen ein gebrochenes Bein oder sogar gegen Krebs tauschen. Irgendetwas, das man sehen kann. Irgendetwas, das die Gesellschaft als Krankheit akzeptiert hat. Irgendetwas, das nicht nur als schlechte Laune oder Faulheit abgetan wird. Wie oft habe ich versucht, dieses Gefühl zu erklären, und wie viel öfter bin ich daran gescheitert.

Gerade in diesem Moment sitze ich wieder hier, mitten in diesem Nichts . Es fällt mir unendlich schwer die Worte zu finden und alles in mir scheint sich dagegen zu wehren, diesen Text auf Papier zu bringen. Doch vielleicht ist genau dieser Augenblick der einzig richtige dafür. Und deshalb will ich wenigstens versuchen die Worte einzufangen und festzuhalten, um sie auf ihren Weg in die Welt zu schicken. Um eine Basis für Verständnis und Kenntnisnahme zu schaffen. Für uns.

 

Ich weiß, dass es nur eine Phase ist. Und ich weiß, dass es auch gute Tage gibt. Doch jetzt, in diesem Moment, sehe ich sie nicht. Alles was ich sehe ist … Nichts. Dieses dunkle schwarze Nichts, das mich umhüllt und in seine Arme zieht. In eine Umarmung zieht, gegen die ich mich wehren möchte, und die doch ein Gefühl von Vertrautheit in mir auslöst. Es ist die einzige Art von Berührung, die ich seit langem im Stande bin, zuzulassen. Und zu fühlen. Denn in dieser Umarmung, in dieser Berührung, da fühle ich … Nichts.

Dieses dunkle schwarze Nichts, das mich jeden Morgen im Bett hält und das mich jeden Abend davon abhält einzuschlafen. Ich rufe leise nach Hilfe, lauter kann ich es nicht, und dann zieh ich mich wieder zurück in die Umarmung, die mir Halt gibt.

Ich liebe es, dieses Nichts, denn wenn es mich in den luftleeren Raum der Einsamkeit einschließt dann ist es das Einzige, was bei mir bleibt. Es hält meine Hand und es hält alles von mir fern, das im Stande wäre, mich aus seiner Umarmung zu ziehen. Es behütet und beschützt mich, und lässt mich durch die schmutzigen Fenster der Angst das Leben beim Leben beobachten.

Und ich hasse es, dieses Nichts, das mich mich selbst hassen lässt für das, was ich nicht kann, was ich nicht sage, was ich nicht bin. Ja, ich hasse mich selbst. Für jeden Freund, dem ich absage um mich in mir selbst zu verkriechen. Für jede Arbeit, die an einem anderen hängen bleibt, weil ich es nicht schaffe. Für jeden Selbstzweifel, der mich davon abhält, die beste Version meines Ichs zu sein. Und ich hasse mich dafür, dass ich nicht die Kraft finde, etwas daran zu ändern.

Und so schließt sich der Kreis, schließt mich ein. Und zwischen Zweifeln und Angst, zwischen Traurigkeit und Taubheit tanze ich in diesem Karussell, warte auf das Signal zum Ausstieg. Entweder raus oder rein ins Leben. Bis dahin setze ich meine Maske auf und mache gute Miene zum bösen Spiel, frier‘ mein Lachen ein und heb‘ es mir auf. Für Momente, in denen ich es brauche, damit niemand sieht, wer mich da umarmt.

Ich weiß, dass es auch gute Tage gibt, doch jetzt, jetzt sehe ich sie nicht. Vielleicht morgen wieder, denn morgen ist ja leider auch noch ein Tag.

 

Wenn du bis hier hin gelesen hast, obwohl du mich nicht verstehst, dann möchte ich dir danken. Und wenn du meinen Worten folgen konntest, dann möchte ich dir sagen, dass morgen zwar auch noch ein Tag ist, dass der aber wieder Millionen von Möglichkeiten zu bieten hat. Wir können uns immer für das Licht entscheiden, auch wenn es manchmal so scheint, als existiere nichts anderes als Dunkelheit. Solltest du gerade in diesem luftleeren Raum sitzen, dann bitte hole dir Hilfe. Sprich mit einer Vertrauensperson, wende dich an deine Therapeutin/deinen Therapeuten oder suche dir HIER jemanden der dir helfen kann.

Denn morgen ist auch noch ein Tag, und der will gelebt werden!

Sabrina

Sabrina

Sabrina ist Yogalehrerin, Autorin und das Gesicht hinter » Mutwärts «. Sie liebt es, sich kreativ auszutoben, unvergessliche Momente in Bildern und Texten lebendig werden zu lassen und im Herzen der Natur zu leben. Das Thema » Angst « nahm in den letzten Jahren einen wesentlichen Platz in ihrem Leben ein. Wie sie damit umgeht und ihre Grenzen durchbricht möchte sie mit dir auf diesem Blog teilen.
Sabrina

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6 Kommentare

  1. Ich hatte eine lange Phase, da habe ich genauso gefühlt. Und habe dann Texte geschrieben die deinem total ähneln. Ich verstehe dich. Ich weiß nicht, wie ich das bezeichnen soll, was ich damals hatte. Aber ich habe es geschafft, mich aus dem Loch zu holen in dem ich war. Ich wünsche dir, dass du weiterhin hoffnungsvoll in die Zukunfst blickst und dass die guten Tage überwiegen 🙂

    Du hast einen tollen Blog.

    Liebe Grüße
    Alina

    1. Danke dir, liebe Alina 🙂 ja, ich bin guter Dinge, dass daraus wieder was tolles entstehen darf, diese Tage gehen vorbei 🙂

      Alles Liebe, Sabrina

  2. Ich habe Deinen Blog soeben entdeckt und folge Dir direkt mal ♥ Sehr gut geschrieben und in vielem, erkenne ich mein früheres Ich wieder.

    Neri

  3. Es gibt sie, die tage, an denen ich morgens wünschte, es wäre abend, damit ich mich im Bett verkriechen kann, und abends, es wäre endlich morgen, weil ich ja doch nicht schlafen kann… Aber im Moment geht’s besser, und ja, ich wünschte mir auch oft ein gebrochenes Bein. .. einfach mal 4 Wochen liegen bleiben dürfen… tja.

    1. Vielen Dank für deinen Kommentar, liebe Nina. Ja, aber was hilft, ist sich immer wieder vor Augen zu halten, dass es auch gute Tage gibt. Irgendwann werden die guten Tage überwiegen, und die schlechten Tage werden uns nur noch daran erinnern wollen, dankbar für die guten zu sein und jeden Moment zu genießen und auszukosten 🙂

      Alles Liebe, Sabrina

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